- Dr. med. Gabriele Dupont
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ADHS selten allein – Warum Begleiterkrankungen bei Männern und Frauen unterschiedlich sein könnten
Aus der Forschung in die Praxis: Geschlechtsspezifische Komorbiditätsmuster bei adulter ADHS
ADHS ist selten allein. Viele Betroffene kämpfen gleichzeitig mit Depressionen, Suchterkrankungen oder anderen psychischen Belastungen und es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass das Risiko für solche Begleiterkrankungen bei Frauen und Männern unterschiedlich verteilt sein könnte.
Während meiner Forschungstätigkeit an der Psychiatrischen Universitätsklinik Frankfurt habe ich mich eingehend mit diesen Unterschieden beschäftigt. Dabei interessierte uns nicht nur die Frage, welche Begleiterkrankungen häufiger bei Frauen oder Männern auftreten, sondern auch, ob sich diese unterschiedlichen Muster im Gehirn widerspiegeln.
Was wir aus der Forschung wissen – und was noch offen bleibt
Die epidemiologische Forschung liefert kein ganz einheitliches Bild, aber einige wiederkehrende Tendenzen. So zeigen mehrere Studien, dass Frauen mit ADHS häufiger an Depressionen und Angststörungen leiden als Männer mit ADHS. Umgekehrt scheinen Männer mit ADHS ein höheres Risiko für Suchterkrankungen zu tragen. Interessant ist dabei eine wichtige methodische Nuance: Betrachtet man nicht nur die absoluten Häufigkeiten, sondern das relative Risiko im Vergleich zu Menschen ohne ADHS, dann verschiebt sich das Bild teils erheblich. So deuten aktuelle Studienergebnisse darauf hin, dass ADHS das Depressionsrisiko bei Männern im Verhältnis stärker erhöhen könnte als bei Frauen, obwohl Frauen in absoluten Zahlen häufiger betroffen sind. Hinzu kommt, dass viele Studien auf klinischen Stichproben basieren, also Menschen, die bereits in Behandlung sind, was die Ergebnisse verzerren kann. Die vorhandenen Studien sind daher in ihren Schlussfolgerungen nicht immer konsistent, und eindeutige Antworten stehen vielfach noch aus.
Noch schwieriger zu beantworten ist die Frage, was hinter diesen Mustern auf neurobiologischer Ebene steckt. Unsere eigene Bildgebungsforschung lieferte erste, vorsichtig zu interpretierende Hinweise darauf, dass die Kombination aus Geschlecht und bestimmten Begleiterkrankungen unterschiedliche Spuren in der Hirnkonnektivität hinterlassen könnte. Auch diese Befunde sind vorläufig und müssen in größeren Studien weiter untersucht werden.
Was das für die Behandlung bedeutet
Gerade weil die Wissenschaft hier noch viele Fragen offen lässt, ist ein aufmerksamer klinischer Blick umso wichtiger. In unserem MVZ ist die geschlechtssensible Diagnostik deshalb fester Bestandteil unserer Arbeit – nicht weil die Forschung bereits alle Antworten liefert, sondern weil wir die richtigen Fragen stellen wollen: Welche Begleiterkrankungen könnten bei dieser Person übersehen werden? Welche Risiken verdienen besondere Aufmerksamkeit? Das sind Fragen, die wir uns für jede Patientin und jeden Patienten individuell stellen.
Dupont G, van Rooij D, Buitelaar JK, Reif A, Grimm O (2022). Sex-related differences in adult attention-deficit hyperactivity disorder patients – An analysis of external globus pallidus functional connectivity in resting-state functional MRI. Frontiers in Psychiatry, 13, 962911.