Contact Info

ADHS und Hormone – ein unterschätzter Zusammenhang

Warum Hormonschwankungen das Leben von Frauen mit ADHS besonders beeinflussen können

ADHS wird bis heute häufig als Störung wahrgenommen, die vor allem Jungen betrifft und sich im Erwachsenenalter „verwächst“. Beide Annahmen gelten inzwischen als wissenschaftlich überholt und haben wesentlich dazu beigetragen, dass ADHS bei Frauen über viele Jahre hinweg zu selten erkannt und behandelt wurde.

Hormone als unterschätzter Einflussfaktor

Die Kernsymptome der ADHS mit Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität sind bei Frauen und Männern grundsätzlich dieselben. Aber der Verlauf der Erkrankung bei Frauen wird von einem zusätzlichen Faktor geprägt, der bislang kaum erforscht ist: Hormonschwankungen. Östrogen beeinflusst dopaminerge Signalwege im Gehirn. Genau jene Systeme, die bei ADHS eine zentrale Rolle spielen. Phasen, in denen der Östrogenspiegel abfällt, etwa vor der Menstruation, nach der Geburt oder in den Wechseljahren, können ADHS-Symptome und Stimmungsschwankungen verstärken. Für viele betroffene Frauen ist das eine Erfahrung, die sie lange allein tragen, ohne dass sie als Teil ihrer ADHS erkannt wird.

Studien deuten darauf hin, dass Frauen mit ADHS ein erhöhtes Risiko für prämenstruelle Stimmungsstörungen, postpartale Depressionen und möglicherweise auch für kardiovaskuläre Erkrankungen in den Wechseljahren haben könnten. Diese Zusammenhänge sind noch nicht vollständig verstanden, und die Studienlage ist in vielen Bereichen noch dünn. Aber die Richtung ist klar: Hormonschwankungen und ADHS interagieren auf eine Weise, die in der klinischen Versorgung bislang kaum berücksichtigt wird.

Was das für die Praxis bedeutet

Für Frauen mit ADHS bedeutet das: Ihre Symptome verändern sich im Laufe des Lebens und das ist keine Einbildung, sondern hat biologische Grundlagen. In unserem MVZ nehmen wir diese Zusammenhänge ernst. Wir fragen gezielt nach Verbindungen zwischen Zyklus, hormonellen Lebensphasen und dem Erleben von ADHS-Symptomen.

Kooij JJS et al. (2025). Research advances and future directions in female ADHD: the lifelong interplay of hormonal fluctuations with mood, cognition, and disease. Frontiers in Global Women’s Health, 6, 1613628.