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ADHS im Gehirn – Männer und Frauen ticken anders?
Was moderne Hirnforschung über biologische Geschlechtsunterschiede verrät – und wo sie noch Fragen offen lässt
In der klinischen Praxis ist längst bekannt, dass ADHS bei Frauen und Männern unterschiedlich aussehen kann. Frauen werden oft erst später diagnostiziert. Häufig zeigen sie eher Aufmerksamkeitsprobleme statt deutlich sichtbarer Hyperaktivität. Nicht selten kommt es zunächst auch zu Fehldiagnosen. Die Kernsymptome der ADHS, also Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, sind bei beiden Geschlechtern grundsätzlich gleich. Der Unterschied liegt oft weniger darin, welche Symptome auftreten, sondern vielmehr darin, wie sie sich zeigen. Jungen äußern Hyperaktivität häufiger nach außen, zum Beispiel durch Zappeln. Bei Mädchen und Frauen zeigt sie sich dagegen oft eher innerlich, etwa als innere Rastlosigkeit, Gedankenkreisen oder das Gefühl, nie wirklich zur Ruhe zu kommen. Dadurch bleibt ADHS bei Mädchen und Frauen für Außenstehende und manchmal auch für Fachleute schwerer erkennbar. Auch beim männlichen Geschlecht kann sich die Form der Hyperaktivität im Laufe des Lebens verändern. Während sie im Kindesalter oft deutlich sichtbar ist, zeigt sie sich im Erwachsenenalter häufiger als innere Unruhe, ständiges Getriebensein oder Schwierigkeiten, wirklich abzuschalten.
Doch was steckt neurobiologisch dahinter?
Während meiner Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Psychiatrie des Universitätsklinikums Frankfurt habe ich mich intensiv mit genau dieser Frage beschäftigt. Mit Hilfe moderner Bildgebungsverfahren, konkret der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), haben wir untersucht, ob sich die klinisch beobachtbaren Geschlechtsunterschiede bei ADHS auch auf Ebene der Hirnkonnektivität nachweisen lassen.
Ein spannendes, aber noch unvollständiges Bild
Die Ruhezustand-fMRT erlaubt es, zu messen, welche Hirnregionen auch ohne aktive Aufgabe miteinander kommunizieren – also wie das Gehirn im Hintergrund „verdrahtet” ist. Die bisherige Forschung auf diesem Gebiet, einschließlich unserer eigenen Arbeit, liefert erste Hinweise darauf, dass Männer und Frauen mit ADHS unterschiedliche funktionelle Netzwerkmuster aufweisen können – insbesondere in Bereichen, die mit Aufmerksamkeitssteuerung und exekutiven Funktionen in Verbindung stehen.
Allerdings ist die Befundlage in diesem Forschungsfeld bislang uneinheitlich. Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Ergebnissen, was unter anderem an unterschiedlichen Stichprobengrößen, Methoden und Patientengruppen liegt. Es wäre also verfrüht, von einem gesicherten, klaren Bild zu sprechen. Vielmehr stehen wir am Anfang eines wichtigen Forschungsweges.
Warum diese Forschung trotzdem zählt
Auch wenn die Ergebnisse noch nicht eindeutig sind, ist die Richtung neuer Forschungsergebnisse bedeutsam: Sie stellt die Frage, ob hinter den klinisch bekannten Geschlechtsunterschieden bei ADHS auch biologische Unterschiede im Gehirn stecken und ob wir Diagnostik und Therapie künftig noch stärker daran ausrichten sollten. In unserem MVZ nehmen wir diese Fragen ernst und verfolgen die wissenschaftliche Entwicklung auf diesem Gebiet aufmerksam. Eine gründliche ADHS-Diagnostik berücksichtigt bei uns das Geschlecht als einen von mehreren wichtigen Faktoren, im Wissen darum, dass die Forschung hier noch viele Antworten schuldet.
Dupont G, van Rooij D, Buitelaar JK, Reif A, Grimm O (2022). Sex-related differences in adult attention-deficit hyperactivity disorder patients – An analysis of external globus pallidus functional connectivity in resting-state functional MRI. Frontiers in Psychiatry, 13, 962911.