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ADHS und der Menstruationszyklus – wenn Hormone die Symptome steuern

Was die aktuelle Forschung über zyklische Hormonschwankungen und ADHS weiß

Viele Frauen mit ADHS berichten, dass ihre Symptome nicht jeden Tag gleich sind. Manche Wochen laufen gut, andere fühlen sich an wie ein „Rückfall“. Dass diese Schwankungen mit dem Menstruationszyklus zusammenhängen könnten, ist eine Beobachtung, die Betroffene seit Langem schildern und die die Forschung erst beginnt ernst zu nehmen. Ein aktueller Übersichtsartikel von Eng et al. (2024, Hormones and Behavior) liefert dazu einen theoretischen Rahmen und erste Belege.

Östrogen als „Schutzfaktor“ für Konzentration und Impulskontrolle

Im Zentrum steht die Rolle von Östrogen und Progesteron im Zusammenspiel mit ADHS-Symptomen. Östrogen beeinflusst das dopaminerge System im Gehirn und damit genau jene Signalwege, die bei ADHS eine zentrale Rolle spielen. Besonders relevant scheinen rasche Veränderungen des Östrogenspiegels im Verlauf des Zyklus zu sein.

Die bisherigen Studien legen nahe, dass sinkende Östrogenspiegel generell mit einer Zunahme von ADHS-Symptomen verbunden sein können. Dabei zeigen sich jedoch Unterschiede zwischen einzelnen Symptomgruppen:

Hyperaktivität und Impulsivität scheinen vor allem direkt mit dem Abfall von Östrogen zusammenzuhängen und weitgehend unabhängig vom Progesteronspiegel. Dieser Effekt wird insbesondere rund um den Eisprung diskutiert, wenn sich die Hormonlage rasch verändert.

Unaufmerksamkeit hingegen scheint komplexer beeinflusst zu werden. Hier spielt offenbar auch Progesteron eine moderierende Rolle. Es wird postuliert, dass Östrogen grundsätzlich eine eher „schützende“ Wirkung auf Aufmerksamkeit, Kognition und Emotionsregulation haben könnte. Rasche Östrogenabfälle könnten diese stabilisierende Wirkung zeitweise vermindern und dadurch ADHS-Symptome verstärken.

Interessant ist außerdem, dass die hormonellen Effekte offenbar individuell unterschiedlich ausfallen. Besonders betroffen waren in den Studien Frauen, die ohnehin stärker zu impulsiven Reaktionen unter intensiven positiven oder negativen Emotionen neigten. Dies könnte erklären, warum manche Betroffene im Zyklusverlauf deutliche Schwankungen ihrer Konzentration, emotionalen Stabilität oder Impulskontrolle erleben, während andere kaum Veränderungen bemerken.

Ein doppelter Risikofaktor in der Pubertät

Besonders interessant ist der Gedanke, dass Mädchen mit ADHS in der Pubertät gleich zweifach betroffen sein könnten. Einerseits setzen mit dem Einsetzen des Zyklus die beschriebenen monatlichen Hormonschwankungen ein. Andererseits ist das Gehirn in der Pubertät selbst noch in der Entwicklung, insbesondere der präfrontale Kortex, der für Impulskontrolle und Emotionsregulation zuständig ist, reift noch. Das Zusammentreffen von unreifer Hirnstruktur und zyklischen Hormonschwankungen könnte die bereits erhöhte Impulsivität und emotionale Dysregulation bei Mädchen mit ADHS weiter verstärken.

Was das für Diagnostik und Behandlung bedeutet

Die Ergebnisse haben konkrete praktische Konsequenzen, auch wenn die Forschung noch am Anfang steht. Erstens könnte der Zeitpunkt der Diagnostik eine Rolle spielen: Wird eine Frau gerade in einer symptomärmeren Zyklusphase untersucht, werden ihre Beschwerden möglicherweise unterschätzt. Zweitens gibt es Hinweise auf zyklusabhängige Unterschiede in der Medikamentenwirkung. Es wird diskutiert, ob eine gezielte Anpassung der Medikation an Zyklusphasen oder der Einsatz hormoneller Therapien bei bestimmten Frauen sinnvoll sein könnte.

Was das für unsere Praxis bedeutet

In unserem MVZ fragen wir gezielt danach, ob und wie sich ADHS-Symptome im Verlauf des Zyklus verändern. Viele Patientinnen berichten über Schwankungen, haben sie aber nie mit ihrer ADHS in Verbindung gebracht. Genau diese Verbindung herzustellen ist ein wichtiger erster Schritt, um eine individualisierte Behandlung zu ermöglichen, die nicht nur die Diagnose, sondern auch die Biologie der Patientin ernst nimmt.

Eng AG, Nirjar U, Elkins AR et al. (2024). Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and the Menstrual Cycle: Theory and Evidence. Hormones and Behavior, 158, 105466.